Lektüre

Eine schwule Witzfigur – Über Andrew Sean Greers »Less«

Andrew Sean Greer: Less

»I started a joke
which started the whole world crying
But I didn’t see
that the joke was on me oh no
I started to cry
which started the whole world laughing
Oh If I’d only seen
that the joke was on me.«

The Bee Gees: I Started A Joke (1968)

Natürlich ist es nur eine Kuriosität am Rande: Ein Roman, in dem eine Pulitzer-Preisvergabe beschrieben wird, erhält einen Pulitzer-Preis. So geschehen mit dem Roman »Less« des US-amerikanischen Autors Andrew Sean Greer, der sich 2018 über die Auszeichnung in der Kategorie »Fiction« freuen durfte. Greer ist auch hierzulande kein unbekannter Autor. Er gilt als hervorragender Stilist und als ein Schriftsteller, der seine Leserinnen und Leser mit unerwarteten Wendungen zu überraschen weiß. Wie zum Beispiel in seinem 2004 erschienen Roman »The Confession of Max Tivoli« (dt. »Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli«, 2005), seinem bislang vermutlich erfolgreichstem Werk.

Der Pulitzer-Preis, der in dem jüngsten Buch von Andrew Sean Greer verliehen wird, geht allerdings nicht an den titelgebenden Anti-Helden der Geschichte, den Schriftsteller Arthur Less, sondern an dessen langjährigen Liebhaber. Robert Brownburn ist ein älterer Dichter, den Less im Alter von 21 Jahren kennengelernt hat. Viele Jahre lebten die beiden Männer zusammen in San Francisco, reisten gemeinsam und erlebten die erwähnte Verleihung des Pulitzer-Preises. Brownburn war dabei auch immer Mentor seines jungen Liebhabers. Dann zerbrach ihre Beziehung. Kurz danach lernte Arthur den jungen Freddy, Sohn seines langjährigen Freundes Carlos, kennen. Als „echte“ Beziehung betrachteten beide ihr Verhältnis nicht. Eher eine Gelegenheitsliebe, die schließlich endete. Als Arthur nun von seinem Ex-Lover Freddy eine Einladung zu dessen Hochzeit erhält, packt ihn die Panik. Auf keinen Fall will er das neue Glück seines Bettgefährten erleben. Damit nicht genug: Sein Verlag hat seinen neusten Roman ablehnt. Und unaufhaltsam nähert sich sein 50. Geburtstag. Was also bleibt dem so vom Schicksal gebeutelten Less? Richtig, eine Reise um die Welt.

Ein »schlechter« Schwuler

Diese Reise, die ihn nach Mexiko, Italien, Deutschland, Frankreich, Marokko, Indien und Japan führt, ist das erzählerische Grundgerüst des Romans. Wir erleben den etwas tollpatschigen, gelegentlich hysterischen und immer modebewussten Less bei seinen Ausflügen auf Konferenzen oder Lesungen und amourösen Abenteuern. So hat er etwa in Berlin eine Liaison mit einem jungen Mann aus Bayern, die skurril und schräg beschrieben wird. Überhaupt skurril: Arthur Less ist, soweit wir ihn kennenlernen dürfen, ein schwuler Mann in der Midlife-Crisis. Seine Jugend ist vorbei und scheinbar vertrödelt worden. Der schriftstellerische Erfolg will sich nicht so recht einstellen und viel zu oft wird er als das Anhängsel des berühmten Dichters Brownburn gesehen. Arthur Less ist die Karikatur eines Mannes. Jemand, der sich von einem Freund vorhalten lassen muss, dass er ein »schlechter« Schwuler sei. Was auch immer das sein mag.

Lektürenotizen zu Andrew Sean Greer: Less
Lektürenotizen zum Roman »Less« von Andrew Sean Greer

Ein kluger Autor wie Andrew Sean Greer schafft es natürlich, dass man als Leser mal Mitleid mit Arthur Less empfindet, dann aber auch wieder über sein Verhalten schmunzeln kann. »Less« ist eine tragisch-komische Geschichte, die wie jede Karikatur einen Kern Wahrheit enthält. Am deutlichsten in seiner Angst vor dem Älterwerden. Schwule Männer, die auf die 50 zugehen, können durchaus komisch werden – vermutlich unterscheiden sie sich da nicht so sehr von ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen, die von der Midlife-Crisis gepackt werden. Also, alles doch ganz lustig.

Folgt man den Kritiken zum Buch, dann haben das viele so gelesen. »Funny«, »Romantic Comedy« oder »Bittersweet« lauten die Urteile. Allerdings wird hier nie die Frage gestellt, warum jemand so exzentrisch, skurril und letztlich unsicher auftritt, wie Less es tut. Deshalb ist dieser Arthur Less nichts anderes als ein schwule Witzfigur. Eine schwule Witzfigur, über die auch Heteros lachen können. Entscheidend bei einem guten Witz ist jedoch sein Hintergrund, sein Tiefgang. Der fehlt allerdings vollständig in der Geschichte des Arthur Less. Ja, sie ist durchaus komisch – aber es bleibt ein flacher Witz. Schenkelklopfer-Humor, an dem der elegante Stil von Andrew Sean Greer leider auch nichts ändert.

Schwuler Selbsthass

»Less« ist in meinen Augen ein ärgerliches Buch. Ein Buch, dass die heteronormative Sichtweise auf Schwule – selbst wenn sie, wie Arthur Less, »schlechte« Schwule sind – zumindest gutheißt, wenn nicht sogar bestärkt. Solange Schwule lustig daher kommen, man über sie lachen kann, ist alles in feinster Ordnung. Bücher über solche Witzfiguren sind sogar preiswürdig.
Die Probleme eines alternden, schwulen Autors sind ja nun wahrlich nicht weltbewegend. Höchstens amüsant. Mag man denken. Aber warum eigentlich? Warum etwa hat ein Arthur Less offenbar nie eine eigne Persönlichkeit entwickelt? Warum erfüllt er so ziemlich jedes Klischee, das schwulen Männern angedichtet wird? Ist hier vielleicht auch eine Portion Selbsthass mit im Spiel? Ein schwuler Autor (Andrew Sean Greer) schreibt über einen schwulen Autoren (Arthur Less) und macht sich dabei lustig über ihn. Das berühmte „Über-sich-selbst-lachen-können“. Gelingt allerdings nur, wenn man in sich gefestigt, mit sich im Reinen ist. Dafür brächte es Charakter und Reife. Doch daran mangelt es der Figur des Arthur Less und seiner Geschichte. Schade.

P.S.: Wie richtig gute Tragik-Komik mit Tiefgang geht, zeigt übrigens John Boyne in seinem 700-Seiten-Schmöker »The Heart’s Invisible Furies«. Beide Romane waren 2018 für die Lammys nominiert.

Bibliographische Angaben

Gelesen habe ich folgende Ausgabe:
Andrew Sean Greer: Less. – New York (u.a.) : Back Bay Books, 2017
ISBN: 978-0-316-31613-2
Im März 2018 erschien die deutsche Übersetzung:
Andrew Sean Greer: Mister Weniger. – Aus dem amerikanischen Englisch von Tobias Schnettler. – Frankfurt am Main : S. Fischer, 2018
ISBN: 978-3-10-397328-0 (Hardcover-Ausgabe)

Weiterführende Links

Soundtrack zum Buch

Der oben zitierte Text stammt aus dem Song »I Started A Joke«, den die Bee Gees 1968 eingesungen haben. Das Lied kam mir bei der Lektüre von »Less« in den Sinn, er wird nicht im Buch erwähnt.

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