Lektüre

Über die Vergänglichkeit – »Bevor wir verschwinden« von David Fuchs

David Fuchs: Bevor wir verschwinden

»And I don’t even care to shake these zipper blues
And we don’t know just where our bones will rest
To dust I guess
Forgotten and absorbed into the earth below«

Smashing Pumpkins – 1979 (1996)

Krebs ist ein Arschloch. Da, wo das Arschloch zu Hause ist, ist es nicht schön. Ein nüchterner, zweckmäßiger Krankenhausflur, die Onkologie-Abteilung einer Klinik in einer österreichischen Großstadt. Einer der Patienten heißt Ambros Wegener, 24 Jahre alt. Durchmetastasiert. Fünf Jahre sind vergangen, seit er seinen Ex-Freund das letzte Mal gesehen hat. Nun trifft er auf ihn: Benjamin, angehender Arzt, der auf der Onkologie-Station ein Praktikum absolviert. Anlass für ihre erste Begegnung nach fünf Jahren: Benjamin soll Ambros Blut abnehmen. In seinem Debütroman »Bevor wir verschwinden« erzählt David Fuchs die Geschichte dieser beiden Männern, die sich einmal geliebt haben. 

Die Umstände, unter denen sich Ambros und Benjamin wiedersehen, sind für ein Drama geschaffen. Doch das bleibt aus. David Fuchs erzählt in lakonischem Ton die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Benjamin, der hin und her gerissen ist zwischen der professionellen Distanz, die von ihm als angehender Arzt gefordert wird, und seinen Gefühlen, die er einst Ambros entgegenbrachte.  In eingeschobenen Rückblenden skizziert Fuchs die Liebesgeschichte der beiden Männer, die sich als Schüler das erste Mal auf einer Klassenreise nach Rom näher gekommen sind. Benjamin blickt zurück auf die gemeinsamen Ausflüge, die gemeinsam gehörten Platten und auf Ambros‘ Begeisterung für das Fotografieren. 

Was nicht zu fassen ist 

Die Distanz zwischen ihm und seinem Patienten Ambros verringert sich weiter, als Ambros ihm anbietet, in seiner leerstehenden Wohnung zu schlafen. Zögernd nimmt er das Angebot an. Dort entdeckt er Fotos, die Ambros gemacht hat. Es sind Polaroids, die Dinge zeigen: Handtücher, eine Stereoanlage, Teller. Nichts davon ist mehr in der Wohnung zu entdecken. Einige Tage später fährt er mit Ambros in die Stadt, ein letzter, gemeinsamer Ausflug. Ambros zeigt ihm weitere Polaroids, diesmal mit kranken Menschen. Es ist sein Projekt, an dem er arbeitet: Der Versuch, das Verschwinden in einem Foto festzuhalten.

»Ambros, sage ich, warum überhaupt Menschen fotografieren? Weil es ihnen, sagt er, weniger weh tut, wenn es ein Foto gibt. Das Verschwinden tut dann weniger weh.«

David Fuchs: Bevor wir verschwinden, S. 143

Eingebettet sind die Begegnungen der beiden Männer in die Alltags-Beobachtungen, die Benjamin auf der Onkologie-Station macht: Der launige Oberarzt, die energische Krankenschwester Ed und die anderen Patienten, die auf der Station behandelt werden und sterben. Die nüchternen Befunde, abgefasst in der Geheimsprache der Mediziner, die etwas in Worte fassen sollen, was nicht zu begreifen ist. Bleibt die Beziehung zwischen Ambros und Benjamin skizzenhaft und fragil, so sind diese Schilderungen durchaus drastisch: Patienten, die vom Krebs entstellt wurden. Patienten, die röcheln, kotzen und bluten. Krebs ist ein Arschloch. 

Lektürenotizen zu David Fuchs »Bevor wir verschwinden«
Lektürenotizen zu David Fuchs »Bevor wir verschwinden«

Eher beiläufig thematisiert Fuchs in seinem Buch die Homosexualität seiner beiden Figuren. Kein Coming-Out-Drama, gelegentliche Sticheleien der Klassenkameraden – das war es schon. Die sexuelle Identität der beiden Männer – sie kommt selbstverständlich, alltäglich daher. Genau das entspricht der ruhigen Erzählweise und rückt eher das in den Mittelpunkt, was dem Autor vermutlich wichtig ist: Die Abgrenzung von professioneller Hilfe in der Medizin und die menschlichen Begegnungen und Beziehungen, die dort – gerade wo es um das Sterben geht – so schwierig sind. 

»Bevor wir verschwinden« ist ein Roman der großen Gegensätze. Der Realität des Leidens und des Sterbens steht die Beziehung der beiden Männer gegenüber, die sich unter diesen widrigen Umständen an ihre Liebe erinnern. An das, was ihr Leben für eine gewisse Zeit bestimmt hat und warum es verschwunden ist. David Fuchs, der als Onkologe und Palliativmediziner tätig ist, hat mit seinem Debütroman eine leise Meditation über die Vergänglichkeit und das Loslassen verfasst. Er beschreibt auf eindringliche Weise den Versuch, etwas festzuhalten, was nicht festzuhalten ist: nicht die Liebe, erst recht nicht das Leben. Es ist eine menschliche Geschichte, an deren Ende eine Reinigung steht. Doch der Tod – er lässt sich nicht abwaschen. Er ist es, der bleibt. 

Disclaimer

Vielen Dank an den Haymon-Verlag, der mir ein Leseexemplar des Buches zur Verfügung gestellt hat. 

Bibliographische Angaben

Gelesen habe ich folgende Ausgabe:
David Fuchs: Bevor wir verschwinden. – Innsbruck, Wien : Haymon Verlag, 2018
ISBN 978-3-7099-3433-3

Weiterführende Links

Soundtrack zum Buch

Der oben zitierte Song »1979« der US-amerikanischen Rockband Smashing Pumpkins stammt aus ihrem dritten Studioalbum »Mellon Collie and the Infinite Sadness«. Ambros und Benjamin hören den Song gemeinsam während eines Ausflugs mit Freunden. 

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