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Memoiren eines Humanisten: Armistead Maupins »Logical Family«

Armistead Maupin - Logical Family. A Memoir

»Is that all there is, is that all there is
If that’s all there is my friends, then let’s keep dancing
Let’s break out the booze and have a ball
If that’s all there is«

Peggy Lee – Is That All There Is (1969)

Es beginnt und endet auf einem Friedhof. Die erste Erinnerung, an die Armistead Maupin die Leserinnen und Leser seiner Autobiographie »Logical Family« teilhaben lässt, führt auf den Oakwood Cemetry in Raleigh (North Carolina), der Stadt, in der er aufgewachsen ist. Jeden Sonntag nach dem Kirchgang besuchte die Familie Maupin die Gräber ihrer Vorfahren. Der kleine Armistead fürchtete sich davor, über Nacht auf dem Friedhof eingeschlossen zu werden, denn die mächtigen Tore schließen um 18 Uhr. Und er erinnert sich an die Worte seines Vaters auf dem Friedhof: »Eines ist sicher: Wann immer einer dieser Männer erfolgreich war, es war immer eine bescheidene und schöne Frau an seiner Seite.« Was der kleine Armistead damals noch nicht verstand: Niemals würde je eine Frau an seiner Seite sein. Was er aber schon als kleines Kind bemerkte, waren Entfremdung und Stille.  Denn, so die erste und vielleicht zentralste Aussage seiner Erinnerungen: Als schwuler Mann musst Du, früher oder später, hinaus in die Diaspora, Deine biologische Familie hinter Dir lassen und Deine logische Familie suchen – eine, die für Dich sinnvoll ist.

Es ist diese Suche, auf die Maupin in seinen Memoiren in kurzen Episoden schlaglichtartig zurückblickt. Seine Kindheit verbrachte er in einem konservativ geprägten Elternhaus. Sein Vater, ein Rechtsanwalt, war überzeugter Südstaatler und Verfechter der Rassentrennung. Obwohl nicht besonders religiös, verfügte die Familie Maupin über ihre eigene Kirchenbank in der Christ Church. Als der Reverend eines Sonntags über die christliche Liebe zu den »Negro brothers and sisters« predigte, verließ Vater Maupin samt Familie unter Protest das Gotteshaus. Ein verstörendes Erlebnis, über das in der Familie geschwiegen wurde. 
Forderte und förderte sein Vater die als männlich geltenden Talente seines Sohnes, schützten und unterstützten die Frauen der Familie Maupin die künstlerische Ader des kleinen Armistead. Neben seiner liebevollen und Halt gebenden Mutter war es seine Großmutter mütterlicherseits, die seine musische Neugierde weckte. Marguerite Norma-Smith (hier der Nachruf auf sie in der Washington Post), 1884 in England geboren, war in der Suffragetten-Bewegung aktiv, bevor sie 1916 in die USA übersiedelte. Sie las ihrem Enkel Gedichte vor und nahm ihn mit ins örtliche Theater von Raleigh, wo sie die Hauptrolle in dem Theaterstück »The Madwoman of Chaillot«  (dt.: »Die Irre von Chaillot«, 1969 mit Katharine Hepburn verfilmt) des französischen Autors Jean Giraudoux spielte. Ihre spiritistische und hellseherische Veranlagung brachten ihr den Ruf ein, eine exzentrische, englische Lady zu sein. Manche ihrer Charakterzüge hat Maupin später in der wohl charismatischsten Figur seiner »Tales of the City« zu Papier gebracht: Mrs. Anna Madrigal, die transgender Vermieterin der Barbary Lane 28.

Liebesgeflüster in einem Supermarkt

Armistead Maupin with a friend ca. 1970 Ted Sahl photographer
Armistead Maupin in den 1970er Jahren mit einem Freund


Seine künstlerische Begabung trat in den Jugendjahren in den Hintergrund. In seiner Zeit am College prägte ihn der Konservatismus seines Vaters, so dass er sich als Student gegen die »sozialistischen Agitatoren« an seiner Schule engagierte und schließlich sein Jura-Studium – er wollte nach dem Vorbild seines Vaters zunächst Rechtsanwalt werden – abbrach, um zum Militär zu gehen. Er wurde Offiziersanwärter an einer Militärschule in Newport (Rhode Island) und rückte mit dem Zerstörer »USS Everglades« ins Mittelmeer aus. Das er homosexuell ist, war ihm zu diesem Zeitpunkt klar und nach seiner Rückkehr in die Staaten, im legendären Sommer des Jahres 1969 verlor er – »irgendwann in dem Monat zwischen dem Stonewall-Aufstand und der Mondlandung« seine Jungfräulichkeit. Kurz danach wurde er, zusammen mit seinem Vorgesetzten, in den Vietnam-Krieg versetzt. In einem kleinen Ort namens Chau Doc, an der Grenze zwischen Kambodscha und Vietnam, leistete er Dienst als Funker.
Nach seiner Rückkehr aus dem Krieg kam es zu einer eher peinlichen Begegnung zwischen ihm und Präsident Richard Nixon im Weißen Haus. Maupin, der mittlerweile eine Zusage als Reporter für die AP in San Francisco hatte, traf als Vertreter einer Gruppe junger Vietnam-Kämpfer den US-Präsidenten. Dieser versuchte mit machohaften Bemerkungen über die vietnamesischen Frauen, die wie Schmetterlinge seien, die unbehagliche Stimmung aufzulockern, womit er bei Maupin grandios scheiterte. Ein Foto, das den Handschlag zwischen Maupin und Nixon dokumentiert, hing zunächst für einige Zeit in Maupins Wohnung in San Francisco, womit er offenbar seine nächtlichen Besucher beeindrucken wollte – was nicht immer gelang. Nach Nixons Rücktritt verschwand das Bild von der Wand.

Über einige weitere Begegnungen mit berühmten Persönlichkeiten erzählt Maupin in seinen Memoiren, oft in einem lebhaften, verschmitzten Ton, der unterstreicht, dass er sich selbst nicht immer so wichtig nimmt. Dabei avancierte er spätestens in den 1980er Jahren zu einem der wichtigsten Schriftsteller der USA. Die Grundlage für seinen Erfolg legte eine Geschichte, die er als Kolumnist für die Wochenzeitung »Pacific Sun« verfasste. Seinen Job bei der AP schmiss er nach nur einem Monat und schlug sich in den 1970er Jahren als freier Texter und Autor durch. Er verteilte Visitenkarten mit der Aufschrift »Armistead Maupin writes for a living« und eine Begegnung mit einer jungen Frau auf einer Cocktail-Party verhalf ihm schließlich zum Durchbruch als Schriftsteller.
Diese Frau berichtete ihm von einem merkwürdigen Paarungs-Ritual: In dem »Safeway«-Supermarkt im Marina District suchten an bestimmten Tagen Single-Frauen und Single-Männer zwischen Obsttheke und Waschmittel-Regal ein Date, vielleicht nur für eine Nacht, vielleicht auch für länger. Von seinen journalistischen Erfahrungen frustriert, wand er sich der Literatur zu. Mary Ann Singleton, die junge und naive Frau aus Cleveland, die von ihrer Schulfreundin Connie Bradshaw in das umtriebige Leben in San Franciscos eingeführt wird, war geboren. Mit der Geschichte aus dem Supermarkt begann eine Erzählung, die zunächst unter dem Titel »The Serial« in der »Pacific Sun«, später dann in der Tageszeitung »San Francisco Chronicle« erschien. Aus diesen, bei den Leserinnen und Lesern beliebten Geschichten, entstand die mittlerweile neun Bände umfassenden Saga und Seifenoper »Tales of the City« (dt. »Stadtgeschichten«).

Der leise Ton eines großen Menschenfreundes

Maupin betont in seinen Erinnerungen, dass manche seiner Romanfiguren durchaus Züge von realen Persönlichkeiten tragen und manche Ereignisse in den »Tales« aus eigenem Erleben schöpfen – aber sie bleiben Fiktion. Eine Fiktion, in der Personen der Zeitgeschichte dem Werk einen einzigartigen Realismus verleihen. Ob der Sektenführer Jim Jones, die englische Queen oder die homophobe Anita Bryant, sie alle haben Gastauftritte in den »Tales«. Gerade die Sängerin und Teilnehmerin von Schönheitswettbewerben Anita Bryant wurde, durch ihre christlich verbrämte Kampagne gegen Schwule und Lesben, ein entscheidender Antrieb für Maupins Kampf gegen die Diskriminierung von LGBT-Menschen. Bryants Organisation »Save Our Children« spielte eine wichtige Rolle in der Fiktion und im realen Leben von Armistead Maupin. Im realen Leben wurde er als offen schwul lebender Autor für die Titelstory über Bryants Kampagne für das »Newsweek«-Magazin interviewt, in der Fiktion schließt sich die Mutter des homosexuellen Michael Tolliver Bryants Organisation an, was Michael dazu veranlasst, seinen bewegenden »Letter To Mama« in »More Tales of the City« (zweiter Band der »Stadtgeschichten«) zu verfassen. Ein Brief, der Fiktion und Bekenntnis gegenüber seinen eigenen Eltern zugleich ist – und ein literarischer Meilenstein. Spätestens seit seinen ersten Erfolgen mit den Fortsetzungsgeschichten, ahnten oder wussten seine Eltern, dass ihr eigenes Kind homosexuell ist. Mit seinem »Letter To Mama«  offenbart sich Maupin auch gegenüber seinen Eltern. Das sie darauf weitgehend mit Schweigen reagierten, verletzte ihn nachhaltig.

Es gibt noch zahlreiche Begegnungen und Ereignisse, die Maupin in seinen Erinnerungen aufleben lässt: Seine Affäre mit dem Schauspieler Rock Hudson, die Ermordung des schwulen Stadtrates Harvey Milk, seine Bekanntschaft mit dem Schriftsteller Christopher Isherwood (u.a. »Goodbye To Berlin«, Vorlage für den Film »Cabaret«) oder seine Freundschaft mit dem britischen Schauspieler Ian McKellen.  Dabei sind seine Rückblicke berührend und liebevoll, niemals voyeuristisch. Es ist dieser leise, reife Ton eines großen Humanisten, der sich schon in seinen »Tales of the City« findet und den er nun auch für sein eigenes Leben anschlägt. Das ist fesselnd, oft amüsant, manchmal auch traurig und bewegend. Vor allem ist es aber in einer Zeit, in der der gesellschaftliche Rollback mehr und mehr um sich greift, wichtig und lesenswert. Maupins Memoiren sind nicht nur Autobiographie, sie sind auch anschauliche Dokumentation des Kampfes von LGBT-Menschen für Gleichberechtigung.

»Du passt mir auf diesen Jungen auf!«

Armistead Maupin with his husband Chris Turner, 2006
Armistead Maupin mit seinem Ehemann Chris Turner im Jahre 2006


Schließlich führen sie ihn auch zurück zu seiner biologischen Familie. Im Jahre 2001 befand sich Armistead Maupin gerade bei den Dreharbeiten für seinen Roman »The Night Listener« in New York, als er von dem bevorstehenden Tod seines – immer noch stockkonservativen – Vaters hört. Gemeinsam mit seinem zukünftigen Ehemann Christopher Turner brach er auf, um seinen Vater noch einmal zu sehen. Gemeinsam besuchten die drei Männer den Friedhof in Raleigh. Bei der Verabschiedung nahm Maupins Vater seinen künftigen Schwiegersohn zur Seite und flüsterte ihm eine Aufgabe zu: »Du passt mir auf diesen Jungen auf, hast Du gehört?«

Bibliographische Angaben

Armistead Maupin: Logical Family : A Memoir. –
London (u.a.) : Doubleday, 2017
ISBN 978-0-857-52351-8

Eine deutsche Übersetzung ist mir zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags nicht bekannt. 

Weiterführende Links

Fotonachweise

Oberes Foto: Armistead Maupin mit einem Freund in den 1970er Jahren bei einer Pride-Veranstaltung in San Jose.
Fotograf: Ted Sahl
Quelle: Wikimedia
Verwendet unter der Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International Lizenz

Unteres Foto: Armistead Maupin mit seinem Ehemann Christopher Turner im Jahr 2006 während des Sundance Film Festival. 
Fotograf: Jere Keys
Quelle: Wikimedia
Verwendet unter der Creative Commons Attribution 2.0 Generic Lizenz

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