Lektüre

Die Stunde der Ambivalenz – Über John Rechys »After the Blue Hour«

John Rechy: After the Blue Hour

»Da ist nun einer schon der Satan selber
Der Metzger: er! Und alle andern: Kälber!
Der frechste Hund! Der schlimmste Hurentreiber!
Wer kocht ihn ab, der alle abkocht? Weiber.
Ob er will oder nicht – er ist bereit.
Das ist die sexuelle Hörigkeit.
Er hält sich nicht an die Bibel. Er lacht übers BGB.
Er meint, er ist der größte Egoist
Weiß, daß wer’n Weib sieht, schon verschoben ist.
Drum duldet er kein Weib in seiner Näh:
Er soll den Tag nicht vor dem Abend loben
Denn vor es Nacht wird, liegt er wieder droben.«

Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit. Text: Bertold Brecht / Musik: Kurt Weill (1928)

Der unglaubwürdige Erzähler, die unglaubwürdige Erzählerin – sie sind in der aktuellen Literatur des Öfteren anzutreffen. In seinem Roman »After the Blue Hour« verfeinert der Autor diesen literarischen Taschenspielertrick noch etwas: John Rechy lässt John Rechy erzählen. Dessen Glaubwürdigkeit stellt er in Frage, nennt  sein Buch eine »True Fiction« – eine wahre Fiktion. Den Leserinnen und Lesern gibt sein Alter Ego gleich zu Beginn des Romans eine Warnung für die Lektüre an die Hand:

»All true? I think autobiographers are big liars.«
(…)
»You can’t trust what you remember, can you? Memory is too unreliable to be ›truthful.‹«

John Rechy: After the Blue Hour (S. 7)

Was also ist in dem Roman Fiktion, was ist autobiographisch, was ist »wahr«, was ist »frei erfunden«? Wie realistisch kann eine Erzählung sein, deren Autor bei der Veröffentlichung 86 Jahre alt ist und der seinen eigenen Erinnerungen nicht über den Weg traut? Und wie entscheidend ist dies überhaupt für einen Roman – geht Realismus nicht irgendwie anders?

Auf all diese Fragen kann ich keine Antwort geben, weil es der Roman auch nicht tut. Rechy blickt auf den 212 Seiten seines Buches zurück auf die Anfänge seiner Schriftstellerkarriere. Die began Anfang der 1960er Jahre. Es ist die Zeit vor seinem literarischen Durchbruch, der ihm mit seinem Roman »City of Night«, 1963 in den USA veröffentlicht, gelang. John Rechy, damals Anfang 30, hatte erste Geschichten publiziert, als ein Mäzen und Kunstliebhaber auf ihn aufmerksam wird. Paul Wagner lädt Rechy auf eine Privatinsel ein, um dort mit ihm, seiner Lebensgefährtin Sonya und seinem Sohn Constantin, der lieber Stanty genannt werden möchte, Zeit zu verbringen. Der genaue Ort bleibt ungenannt, man erfährt nur, dass es dort sehr heiß ist.

Es ist ein aufgeheizte, schwüle Atmosphäre, in der sich Paul, Sonya, Stanty und John kaum aus dem Weg gehen können. Sie verbringen ihre Zeit damit, in der Sonne zu liegen, zu baden, zu essen und gekühlten Weißwein und Cuba Libre zu trinken. Sie erzählen sich Geschichten. Offenbarungen könnte man sie nennen – sofern sie den wahr wären. Paul ist sehr an den Geschichten von John interessiert, denn seine veröffentlichten Erzählungen berichten von seinem Leben als Stricher. Er ist der »Hustler«, der von einer amerikanischen Stadt zur nächsten zieht und gegen Geld Sex mit Männern hat. Diese Erzählungen, die John Rechy später in »City of Night« verarbeitet hat, sorgten in der US-amerikanischen Öffentlichkeit für Aufsehen, denn sie boten Einblicke in das verborgene schwule Leben der 1950er und 1960er Jahre. Zugleich ist John auch von Paul fasziniert, der ihm von seinen gescheiterten Ehen zu Elizabeth und Corina berichtet. 

Elizabeth ist die wohlhabende Tochter eines Rechtsanwaltes. Durch die Heirat mit ihr kam Paul zu Geld, und konnte sich das Leben eines Gönners und Kunstliebhabers leisten. Ihre psychische Labilität nutze Paul skrupellos aus. Beide lebten, verbunden durch eine innige Hass-Liebe,  für eine Zeit in Konstantinopel – Istanbul. Dort lernte Paul dann seine zweite Frau Corina kennen. Die Beziehungen zu beiden Frauen entwickelten sich zu Abhängigkeitsbeziehungen. Paul offenbart in seinen Erzählungen allmählich seinen dämonischen Charakter. Er ist besessen von Gewaltphantasien und Unterdrückung. Immer wieder spricht er von »willigen Opfern«, liest Sade, Genet oder Henry Miller und pflegt seinen Hass auf Frauen.

Gegensätzlich hingegen ist seine derzeitige Freundin Sonya. Eine wunderschöne Frau, eine »goldene« Erscheinung, die in einem fast durchsichtigen Kaftan über die Insel geht. Still, sanft und liebevoll erscheint sie, eine sinnliche Frau, die scheinbar Paul liebt. Dann wird John Rechy Zeuge eines heftigen Kusses zwischen den Beiden, bei dem sie sich regelrecht ineinander verbeißen und mit blutenden Lippen auseinander gehen. Auch Pauls Sohn Stanty, gerade in der Pubertät, hat ein Faible für das Makabre. Er erzählt von seinen Ausflügen auf dem See und der verlassenen Nachbarinsel. Ein furchtbares Verbrechen habe sich dort ereignet und die Insel sei menschenleer. Dennoch habe er bei einer seiner Rudertouren einen Mann in dem leerstehenden Haus gesehen. Der habe mit einer Waffe auf ihn gezielt und gedroht zu schießen, sollte Stanty näher kommen.

Enthüllung und Verdunkelung

Eine beklemmende Bedrohung liegt über Paul, Sonya, Stanty und John, die durch ihre bewusste Vermischung von Wahrheit und Realität noch gesteigert wird. Wie ein roter Faden schlängelt sich zudem ein mysteriöses Buch durch die Erzählung. Ein Buch, das immer wieder auftaucht und dann verschwindet: »The Origin of Evil« von V.K. Edelstein. Eine Frage aus diesem Buch lautet: »What happens to Evil when Its flames are snuffed?« – Was geschieht mit dem Bösen, wenn seine Flammen gelöscht wurden? Im Gegensatz zu den vielen anderen Büchern, die John Rechy in der hauseigenen Bibliothek findet, ist »The Origin of Evil« allerdings eine Erfindung. Ein solches Buch von V.K. Edelstein gibt es nicht.

Eine aufgeladene Stimmung, ein Gemisch aus erotischer Anziehung, Gewaltphantasien und Geheimnissen, bestimmt den Roman. Handlung gibt es wenig, dafür um so mehr Phantasie und kraftvolle Bilder. Die titelgebende »Blaue Stunde« ist so ein Bild, denn in ihr sei alles einerseits klar und deutlich und gleichzeitig verborgen und schleierhaft. Das verändernde Licht bringt Enthüllung und Verdunkelung, es ist die Stunde der Ambivalenz.

So bleibt auch dieser Roman in meiner Erinnerung: ambivalent. John Rechy versucht sich in einem Roman der literarischen Meta-Ebene. Er zeichnet seinen eigenen Weg als Schriftsteller nach, diskutiert seine literarischen Einflüsse, zu denen unter anderem Djuna Barnes, Kathleen Winsor und Aphra Behn – drei Autorinnen (!) – gehören. Im Laufe des Roman schiebt er Wiederholungen ein: John Rechy schildert, wie John Rechy  die Anfänge des Romans »After the Blue Hour« niederschreibt. Das ist kurios – mehr aber auch nicht. Denn Rechy löst diese Meta-Ebenen nicht weiter auf, führt sie nicht weiter. Wir sehen einen Schriftsteller am Anfang seiner Karriere. Punkt. Alles, was danach kam, bleibt ausgeblendet. »After the Blue Hour« wirkt auf mich wie ein Bruchstück aus einer Autobiographie, die keine sein will und von der nur das erste Kapitel existiert. 

Lektürenotizen zu John Rechys »After the Blue Hour«
Lektürenotizen zu John Rechys »After the Blue Hour«


Ja, der Roman ist stilistisch hervorragend, die Atmosphäre dicht, die Figuren in ihrer Ambivalenz gut gezeichnet und die abschließende Sexszene – ein freundlicher Service meinerseits für Stellenleser/innen – passabel geschildert. Die Dramaturgie allerdings wirkt unausgereift, die Betrachtungen über das Böse eher banal als tiefgründig. Das ist bedauerlich, denn John Rechy ist durchaus ein wichtiger Autor aus den USA. Nicht umsonst haben seine ersten Werke, wie »City of Night« oder »Numbers« (1967) gute Kritiken erhalten. James Baldwin, Edmund White und Gore Vidal gehören zu seinen Bewunderern. Hierzulande sind bislang nur drei seiner Romane in Übersetzungen erschienen: »Nacht in der Stadt« (erstmals 1965, »City of Night«), »Nummern« (erstmals 1968, »Numbers«) und »Aufbruch der Nacht« (erstmals 2002, im Original »The Coming of the Night« 1999).

Mit »After the Blue Hour« hat er insgesamt bereits dreizehn Romane in den USA veröffentlicht, daneben auch Sachbücher und Theaterstücke. Als Urgestein queerer Literatur in den USA sollte John Rechy unbedingt entdeckt werden. Sein letzter Roman allerdings eignet sich aus meiner Sicht nicht als Einstieg in sein Werk.

Bibliographische Angaben

Gelesen habe ich folgende Ausgabe: 
John Rechy: After the Blue Hour : A True Fiction. – New York : Grove Press, 2017
ISBN 978-0-8021-2756-3

Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Beitrags ist mir keine deutsche Übersetzung bekannt. 

Weiterführende Links

Soundtrack zum Buch

Im Roman hören Sonya, Paul und John verschiedene Musikstücke, darunter auch die »Dreigroschenoper« von Bertold Brecht und Kurt Weill. Das oben zitierte Lied »Die Ballade von der sexuellen Hörigkeit« stammt aus der »Dreigroschenoper«.  

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