Tage des Lesens

26. Dezember 2018 – Zweiter Weihnachtstag

Fotograf im Spiegel

Im Herbst 1987 bin ich nach Hamburg gezogen. Mein Start hier war nicht leicht: 21 Jahre lebte ich auf dem Lande. Vieles war für mich neu in dieser Stadt, die so ungewohnt laut und hektisch erschien. Mein Studium begann, viele neue Menschen traten in mein Leben und ich ging erste, zaghafte Schritte in eine neue, fremde Freiheit. Ein eigenes Leben halt. Bis ich mich in Hamburg wirklich wohl fühlte, dauerte es seine Zeit. Mittlerweile ist diese große Stadt mein Zuhause. Worüber ich froh und dankbar bin, denn ein Reisender bin ich nie so richtig gewesen. Einen Bezugspunkt, einen Heimathafen (ja, ich verwende dieses abgenutzte Worte in diesem Zusammenhang ganz bewusst), eine eigene Wahlfamilie – die brauche ich.

1997 ging ich meine ersten Schritte in diesem, unseren Internet. Es war ein Aufbruch in eine für mich neue und chaotische Welt. Sie wurde im Laufe der Jahre zu meinem zweiten Zuhause. Ich verdiente mein Geld durch das Internet, ich lernte Menschen über das Internet kennen, ich hielt und halte Kontakte über dieses Medium. Auch hier ist es manchmal laut, manchmal hektisch. Eine globale Großstadt, weit weg von dem ruhigen Landleben meiner Kindheit und Jugend. Und hier, in diesem digitalen Netz, wurde ich zum Nomaden. Ich probierte, manchmal scheiterte ich, manchmal konnte ich kleine Erfolge verbuchen. Wo bin ich nicht überall gewesen: Bei Geocities zum Beispiel, oder bei Parsimony (beide gibt es heute nicht mehr). Ich habe mich in literarischen Newsgroups rumgetrieben und in diversen Foren. Am 21. Januar 2005 folgte dann der erste Blogeintrag in meinem Krimiblog. Immerhin habe ich es dort über fünf Jahre lang ausgehalten, dann bekam das Blog einen neuen Anstrich und es ging mit Attraktionen und Depeschen einige Jahre weiter.

Wo ist das Tagebuch?

Diese Versuche im Internet, in dem jede und jeder veröffentlich kann, waren und sind für mich spannend. Lange Zeit zergliederte ich mich – für jedes Thema, dass mir wichtig erschien, eröffnete ich ein Blog oder ein Forum, ja selbst mit einem eigenen Wiki habe ich herum experimentiert. Schließlich schwebte über vielen Dingen auch immer der Gedanke, ein Tagebuch zu führen. Auch dazu benutzte ich unterschiedliche Plattformen: 2011 trat Tumblr in mein Leben, jene Plattform, die ich aus unterschiedlichen Gründe auch heute noch mag. Notizen füllten die Tage des Lesens aus. 2013 folgte dann medium.com, bei der die Bibliothek Bartleby ihre digitale Heimat fand. Zwischenzeitlich wechselte ich mal hin und her, um in diesem Jahr meine Regalreise zu starten. Das Blog, dass Du gerade liest.

Der Leitgedanke der Regalreise sollte im Titel erkennbar sein: Es handelt sich um eine Reise durch meine Bücherregale, durch die vielen, ungelesen Bücher. Und eigentlich wollte ich hier vor allem Klassiker und vergessene Bücher vorstellen – doch es kommt halt immer anders. Ein Themenbereich, der mittlerweile in deutschsprachigen Blogs immer weniger behandelt wird, ist die Literatur, die sich mit LGBTQ-Themen beschäftigt. Doch genau diese Themen liegen mir am Herzen. Diese Bücher bleiben ein Schwerpunkt auf der Regalreise. Dabei ergeht es mir mit der Regalreise so, wie es mir damals mit Hamburg ergangen ist: Ich „fremdel“ noch ein wenig. Ist das hier jetzt wirklich meine neue, digitale Heimat?

Handschriftliche Notizen
Manche Texte schreibe ich auch mit der Hand.

Um hier ein wenig heimischer zu werden, kam mir nun heute, am Zweiten Weihnachtstag 2018, der Gedanke, meine Tagebuch-Versuche, wie sie bei Tage des Lesens und der Bibliothek Bartleby zu finden waren, hier fort zu schreiben. Die losen Tagebucheinträge – ähnlich wie auf den früheren Blogs – finden sich in der Kategorie Tage des Lesens. Da ich weiß, dass dies vielleicht nicht für jede Leserin und jeden Leser interessant ist, bleiben diese Einträge von den Buchbesprechungen, die in der Kategorie Lektüre zu finden sind, getrennt. Dass ich gerade jetzt auf diese Fortsetzung komme, hat einen Grund: Mir fehlt das Schreiben. Und dabei weiß ich, dass das Schreiben (in diesem Falle auch das Bloggen) aus verschiedenen Gründen im nächsten Jahr wieder sehr wichtig für mich wird.

Die Tage des Lesens bleiben dann auch hier auf der Regalreise vor allem Notizen, Gedankenfragmente, Aufwärmübungen für das tägliche Verfassen von Texten. Ein offen geführtes Tagebuch in diesem, unseren Internet. Und falls sich jemand fragt, wen das überhaupt interessieren sollte: Mich. Tatsächlich ist das Bloggen für mich wichtig. Ob es anderen ge- oder missfällt, ist für mich nicht so wichtig. Auch Klickzahlen zählen für mich nicht mehr. Denn ich bin über viele Jahre, beruflich und privat, diesen Schimären hinterher gejagt. Soweit, dass sie mir meine Lust am Schreiben zumindest geschmälert haben. Deshalb: Klickzahlen – I would prefer not to.

Wichtiger ist die Archiv-Funktion, die ein solches digitales Tagebuch für mich hat. Das habe ich gemerkt, als ich neulich meine alten Einträge durchgegangen bin. Manches davon würde ich heute vermutlich nicht mehr in die Welt posaunen – andererseits ist es ein Stück meiner Geschichte. Einer Geschichte, die ich fragmentarisch aufzeichne. Langsam, chaotisch und authentisch. Um irgendwann einmal sagen zu können: I was here.

Danke!

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