Graffito Junge von SeiLeise

Regalreise: Die Rückkehr zu den Vertrauten

Eine Zwischenbilanz und ein Ausblick.

»Kilian: Sehen Sie sich um! Bücher! Bücher! Gibt es etwas Schöneres? 
Und was steht in den Büchern? Worte! Worte!«

Paul Kornfeld: Kilian oder Die gelbe Rose (1926)

Zwischendurch bin ich vom Lesen abgekommen. In den vergangenen drei Jahren gab es einige Ereignisse in meinem Leben, die manches durcheinandergebracht haben. Manches davon ist in meinem Kopf immer noch nicht verarbeitet, manches liegt hier und dort noch unsortiert herum, manches habe ich längst auf dem Dachboden verstaut.

Es ging manchmal so schnell, so unmittelbar. Alte Wunden und Verletzungen wurden mir überhaupt zum ersten Mal bewusst. Im fünfzigsten Lebensjahr. Es war eine schwierige Zeit, um diese Floskel einmal zu verwenden.

Meine Leselust

Ludger, 1987
Vor dem Gutenberg-Museum in Mainz (1987)

Was in dieser Zeit an den Rand gedrängt wurde, waren meine Bücher. Sie spielten und spielen in meinem Leben eine entscheidende Rolle. Es gibt Gründe, warum ich vor über 30 Jahren Bibliothekar werden wollte und es  schließlich auch wurde. Doch dann habe ich kurz nach dem Studium diesen Beruf immer mehr aus den Augen verloren. Das ist einerseits traurig, andererseits gaben und geben mir die Bücher immer das Gefühl, dass ich jederzeit zu ihnen zurückkommen kann. Wenn ich nur wollte. Und ich spüre, ich will. Jetzt und in Zukunft.

Schon vor einiger Zeit habe ich darüber nachgedacht, eine Reise durch meine Bücherregale anzutreten. Auf die Idee hat mich dieses Buch gebracht. Mir ist bewusst, dass diese Regale so prall gefüllt sind, dass ich es bis zu meinem Lebensende nicht schaffen werden, alle Bücher zu lesen. Aber ich mag diese Reise auch nicht länger hinauszögern. Mein Verlangen, vor allem „alte“ Literatur zu lesen, Klassiker, Schauerromane, Bildungsromane, historische Romane, „alte“ Krimis und Ikonen des Genres – es hat die rauen Tage überdauert. Hinzugekommen ist meine Neugierde auf Biographien, was möglicherweise etwas mit meinem Alter zu tun hat. Schließlich ist da noch die Literatur, die sich mit schwulen und queeren Lebensentwürfen und Lebenswelten beschäftigt. Es waren vor über 30 Jahren die Bücher, die mir entscheidend bei meinem Coming Out als schwuler Mann halfen. Ohne sie wäre ich verloren gewesen. Als Leser fühle ich mich immer sehr bei mir, wenn ich Romane, Erzählungen oder Lyrik lese, die sich mit diesen Themen beschäftigt.

Blogs – die Vertrauten

»Als verkündet wurde, dass die Bibliothek alle Bücher umfasse, war der erste Eindruck ein überwältigendes Glücksgefühl.«

Jorge Louis Borges: Die Bibliothek von Babel (1941)

Nun möchte ich mich wieder dem Bloggen zuwenden. Selbstverständlich könnte ich das alles auch in einem Tagebuch aus Papier festhalten – nur für mich. Und gibt es nicht schon sehr viele Literaturblogs? Schreiben über Bücher kann man für sich und auf der Festplatte ablegen oder – ganz alte Schule – auf Papier festhalten. Texte, die in die Öffentlichkeit kommen, sind allerdings anders. Du formulierst anders, gewissenhafter, kritischer – und bist natürlich auf Reaktionen gespannt. Du nimmst Dir Zeit. Jede Bloggerin, jeder Blogger möchte gelesen werden. Blogs, Literaturblogs, sind für mich Vertraute. Und so wie die Bücher mich zurücknehmen, möchte ich auch in diese wunderbare Welt der Blogs zurückkehren. 

Dabei möchte ich eher dokumentarisch vorgehen. Es gibt viele gute Blogs, die Literatur vorstellen, empfehlen, bewerten. Dies steht für mich nicht mehr so sehr im Vordergrund. Ich möchte eher Zeugnis ablegen davon, was die Lektüre mit mir macht. Notizen, Gedanken, Thesen, Überlegungen und das alles in einem Prozess. Sehr subjektiv also, ohne literaturkritischen Anspruch.

Meine eigene Strenge dulde ich dabei nicht mehr. Ich möchte vor allem Bücher lesen, die schon lange in meinem Regal auf mich warten. Dennoch werde ich mir die eine oder andere Neuerscheinung nicht verwehren, sofern sie mich denn anspricht – oder mir hilft „alte“ Literatur besser zu verstehen. Leitgedanke ist mein Leselust – ich bin kein Kritiker, ich bin kein Literaturwissenschaftler, ich bin kein Buchhändler. Ich bin mir „nur“ selbst verpflichtet – und den Büchern, die manchmal schon seit dreißig Jahren auf ihre Lektüre warten.

Ich mache mich auf den Weg.

Bildnachweis: Paste Up »Sad Boy« von SeiLeise
Foto von Karl Ludger Menke

  1. Mich als Literaturfan hast du schon mal als interessierter Leser gewonnen.
    Habe dich bei Medium kennen gelernt.
    VG Peter

  2. Karl Ludger Menke

    Vielen Dank lieber Peter.
    Ich freue mich!
    Viele Grüße
    Ludger

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